Bilder Psychomotorik

„Her mit den Fehlern !“

von Michael Passolt, Dipl. Motologe und Psychomotoriker, Gröbenzell
veröffentlicht: Leitartikel im IBP-Programm 2006

Was wäre, wenn wir Kindern mehr Raum zum Ausprobieren geben würden? Raum für Experimente? Wenn wir ihnen mehr gestatten würden, Fragen zu entwickeln als auswendig gelernte Antworten zu geben? Warum? Weil Fragen den Horizont öffnen und neugierig nach Antworten machen. „Ich finde eine Antwort“, wer so redet, der will etwas, der vermittelt Stärke und Selbstbewusstsein, Stolz und Klugheit. Dieses Vorgehen, Fragen zu stellen und zu experimentieren, wissen die Kinder schon aus der Sesamstrasse („Wieso, weshalb, warum, wer nicht fragt, bleibt dumm“) und auch der Volksmund sagt: „Aus Fehlern wird man klug!“

Das ‚Zukunftsangst-Syndrom’ geht um. Unsere Welt wird immer unklarer, uneindeutiger. Arbeitslosigkeit, Gewalt, Armut und ökologische Zusammenbrüche sind zu Themen unseres Lebens geworden. Linearität ist selten erkennbar. Keine Voraussagbarkeit beruflicher Zukunft. Unsicherheit, Unordnung, Chaos und Zufälligkeit sind unsere neuen Begleiter. Wie erhalten wir Vertrauen in die Zukunft, was sind die Möglichkeiten, was die Chancen für Veränderung? Welche Anforderungen werden in diesen Zeiten an unsere Kinder und an uns gestellt?

Heute wird es immer dringender, sich den neuen Fragen und den neuen Herausforderungen zu stellen. Eins wissen wir sicher: für die neuen Fragen reichen die alten Antworten nicht aus. Für die neuen Fragen müssen wir lernen, neu zu denken. Uns herantasten an das grenzenlose Universum der Möglichkeiten. Indem wir Fragen stellen, können wir Möglichkeiten finden und tätig werden. So können wir unsere Angst überwinden, denn Angst ist ein schlechter Ratgeber für das Leben.

Wir, die Erwachsenen, konnten früher sicher sein, dass wir mit dem Wissen unserer Ausbildungen gut gerüstet waren, um die Welt zu erobern. Ist das heute immer noch so? Vermutlich werden unsere Kinder drei bis vier Berufslaufbahnen im Leben durchschreiten müssen; sie werden sich flexibel zeigen müssen, um Arbeitsplätze zu finden. Sie werden vielleicht Berufe ergreifen müssen, die es heute noch gar nicht gibt. Und ich glaube zutiefst: sie werden es gut schaffen.

Früher passte ‚büffeln’ und ‚pauken’, stillsitzen und zuhören zur Disziplinierung. Zukunftsforscher Matthias Horx sagt dazu: „Wer auch nur die geringste Ahnung von Kindern hat, weiß, dass dies im Grunde eine Szene aus einem absurden Theater ist. Wir alle –Kinder und Erwachsene- lernen mit dem Körper, in Bewegung, im Tun. Unser Gehirn ist so gebaut, dass es am besten adaptiert, wenn wir erforschen, probieren, fragen, experimentieren, gemeinsam etwas verändern können.“ Stimmt dies, dann muss unser Denken und Handeln sich verändern. Dann geht es nicht mehr um ‚Lernen für alle gleich’ sondern um den individuellen Zugang zum Lernen. Denn jeder Mensch hat spezielle, kostbare, spezifische Fähigkeiten; diese gilt es zu erkennen, zu fördern und zu nutzen.

„Vieles hätte ich verstanden,
wenn man es mir nicht erklärt hätte.“
(Stanislaw J. Lem)

Die einzig-und-alleinige Wahrheit gibt es dabei nicht, sondern es gibt nur unterschiedliche Blickwinkel auf ein Thema. Hier ist Verständigung gefordert. Und Verständigung in einer globalen Welt wird immer wichtiger werden: z.B. im Anerkennen und im Austausch kultureller Unterschiede. Im Miteinander. Im ‚learning by doing’, durch ‚try and error’. Frontale Wahrheiten und frontaler Unterricht helfen da nicht weiter; sie müssen aufgebrochen werden zugunsten aktiver Gruppenprozesse. Es geht dabei nicht um zentrale Basics von Rechnen, Schreiben, Lesen sondern um die Entfaltung des Eigenen, des Selbst. Eines eigenen Weges, der nur von dem beschritten werden kann, der diesen Weg für sich sieht und bereit ist, ihn zu gehen. Dies zu fördern, scheint immer mehr die Aufgabe von Kindergarten und Schule zu werden.

Optimismus und Vertrauen

Trotz aller Unwägbarkeiten ist berechtigter Optimismus angesagt. Optimismus und Vertrauen in die Entwicklung des Kindes. Optimismus in eine gesellschaftliche und pädagogische Zukunft. Einige bildungspolitische Veränderungen gibt es schon. Zwei Beispiele: Da ist z. B. der ‚Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder in Tageseinrichtungen bis zur Einschulung’ (BEP), sehr kindorientiert schon im Entwurf. Psychomotorik in seiner Haltung, dem Kind Raum zum Experimentieren und zum Fragen zu geben, erhält nun auch in der Endfassung des BEP einen neuen Stellenwert. Psychomotorische Arbeit und Erfolge vor Ort, so auch im Kindergarten, haben die Entscheidung, Psychomotorik im BEP aufzunehmen,  sicherlich gefördert. Und auch die Schulwirklichkeit in der Tradition von Disziplinierung wird immer mehr in Frage gestellt. Es ist eine Bewegung für Veränderung entstanden. Mit Pisa wird Schulwirklichkeit geprüft. Alternativmodelle erhalten Bedeutung (www.archiv-der-zukunft.de). Peter Sloterdijk im ZDF: „Diese Beispiele zeigen, …dass die Zukunft der neuen Schule in Deutschland schon begonnen hat. Wir müssen sie nicht herbeifordern, wir müssen nur auf die Beispiele hinweisen, in denen gezeigt wird, wie es gelingt“. Eine wesentliche Frage, die in diesem Zusammenhang diskutiert wird, ist die alltägliche fachliche und dialogausgerichtete Umsetzung von Bildung und Erziehung, „die Lust am Denken und Lernen, die Qual belehrt zu werden und die endlosen Dramen des Erwachsenwerdens“ (Reinhard Kahl, archiv-der-zukunft). Bildung allgemein: Wie kommt es eigentlich, dass z.B. in Island und Neuseeland mehr als 80 Prozent, in Schweden, Finnland und Polen mehr als 70 Prozent der jungen Leute eines Jahrgangs ein Studium beginnen ? Warum ist dort das Studium schon vielfach als der Normalfall im Lebensweg geworden? Warum ist dagegen unsere Tradition von Bildung so pessimistisch? „In der angloamerikanischen und skandinavischen Tradition wird darauf gesetzt, dass eine Ausbildung gar nicht gut genug sein kann. Von Bedarf spricht man nicht. Weil niemand die Zukunft kennt, muss man sich möglichst gut vorbereiten. Man sagt schon den Schülern, ihr seid ganz gut, aber in euch steckt noch viel mehr drin als ihr glaubt. Lasst uns was draus machen. Man sagt, hey kommt, wir haben auf euch gewartet. In Deutschland wird der gleiche Satz noch zu häufig ganz anders betont: Auf Euch haben wir gerade noch gewartet, ihr werde noch euer blaues Wunder erleben.“ (Reinhard KAHL)

Natürlich, auch unter Angst und Druck kann gelernt werden, doch dann werden Angst und Druck auch mitgelernt. Schule und auch Kindergarten als ein Lebensort, an dem mit Spaß und Spiel gelernt wird, wo Eigenständigkeit, Zusammenarbeit, Lachen und Lernen zusammen gehören? Wo der Fehler, dass Ausprobieren und Experimentieren zum Lernen gehört? Wir wissen doch schon lange, dass die größten Erfolge in Kindergarten und in der Schule dort zu erreichen sind, „wo die Erwachsenen eine Atmosphäre des Vertrauens schaffen und durch vielfältige Anregungen den Kindern die Chance zu selbständigen Lernen eröffnen. Auf diese Weise erfahren sie ihre Selbstwirksamkeit und so erfolgt der Aufbau einer (intrinsischen) Motivation.“ (Karl GEBAUER).

Psychomotorik und unsere Haltung

Psychomotorik ist neben der konzeptuellen Idee und fachlichen Ausrichtung besonders auch eine Haltung. Psychomotorisch arbeitet man nicht nur, sondern man lebt es in seiner (spaßorientierten und bewegenden) Begeisterung, seinem Optimismus, seiner spielerischen Offenheit und seiner Wertschätzung für das Kind. Dabei sind wir in einer ständigen Neugier, mehr vom Kind zu erahnen, mehr von ihm zu erfahren. Wie kann es kommen, dass manche Kinder lieber in die Psychomotorikgruppe kommen, als ihren Geburtstag zu feiern? Weil wir dem Kind positive Rückmeldungen geben; weil wir es stützen, weil wir uns in das Kind hineinversetzen, wie es lebt, wie schwierig es manchmal für ihn ist, auf dem Weg zu sein. Weil wir dem Kind aber immer den Raum geben, mit seinen Fragen die Welt zu öffnen. Weil das die Kinder lieben.

Wir sind dem Kind Begleiter. Wir sehen das Kind in seinen Stärken, beobachten seine Schwächen und begleiten es zum ‚stimmigen Moment’, wann es den Entwicklungswiderspruch für sich entdecken kann, um mit seinen Stärken und dann auch an seinen Schwächen zu arbeiten. Unsere wichtigste pädagogische Aufgabe jedoch ist, dass wir dafür sorgen, dass das Kind nicht beschämt werden darf. Dass das Kind merkt, dass wir es respektieren und Interesse an ihm haben, dass es Fragen stellen darf und auch soll, damit es die Welt erobern kann. Dass es merkt: Jede Frage ist wichtig. Ich bin wichtig. Keine Frage, die gestellt wird, ist ‚dumm’ oder ‚falsch’. Unser Grundsatz ist, dass Kinder nicht lernen können, wenn sie das Gefühl haben, „ich kann hier ausgelacht werden“.

Psychomotorik – ein Ort von Atmosphäre und Lernen

Unsere Haltung bestimmt die Atmosphäre. Es ist ähnlich wie eine Einladung für Freunde bei uns zu Hause. Denn mit der Einladung arbeiten wir bald auch an der Atmosphäre für den Abend. Wir richten den Raum her, focussieren auf das Wichtige des Abends, wie Essen, Trinken, Blumen, Kerzen, Musik. Für den Abend versuchen wir einen schönen, zeitlichen Rhythmus aufzustellen. Die Gäste merken: hier bin ich gern gesehen, hier fühle ich mich wohl, hier möchte ich wiederkommen. Danke für die Einladung! Übertragen auf die Kindergarten- und Schulwirklichkeit können wir eine Idee entwickeln, unsere Arbeit als eine Einladung für die Kinder zu verstehen. Ein Invest in Vorbereitung, in Atmosphäre, in Raumgestaltung und Zeit. In diesem Raum begegnen wir den Kindern, helfen ihnen, ihre Eigenart zu finden, ihre besonderen Möglichkeiten auszuloten und an den Notwendigen zu arbeiten.

So wird der ‚Arbeitsplatz’ von Kindern zu einem Lebensort. Ein Ort des Wohlfühlens. Ein Ort, wo Fragen gewünscht und Fehler erlaubt sind. Ein Ort, der gefällt und wo wir selbst gerne noch einmal Kind wären !?

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